Landraub: Ein neues Gerangel um Afrika

Ama Biney schreibt für Pambazuka News über den Andrang beim Landkauf in Afrika seitens ausländischer Regierungen und privater Investoren; dieser Andrang wird von der Angst um globale Ernährungssicherung angesichts des Klimawandels und der unberechenbaren Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt angeheizt. Biney warnt davor dass die “politischen und wirtschaftlichen Risiken dieser Landkäufe enorm sind und etwaige Vorteile aufwiegen” und dass „afrikanische Regierungen die Ernährungssicherheit und Selbstversorgung ihres eigenen Volkes vorrangig machen müssen.“

Wie ist es möglich, dass die Welt im 21. Jahrhundert fähig ist, jeden einzelnen Menschen auf diesem Planeten zu ernähren, aber die Mehrheit der Menschen in Afrika und im Rest des Globalen Südens, die arm ist, maßlos hungert – während die Fettsucht im Westen rapide zunimmt? Warum hat außerdem die kürzliche Besitzergreifung in Afrika durch reiche Länder stattgefunden? Die Kurzantwort auf die erste Frage liegt in der ungleichen Verteilung und Kontrolle des globalen Reichtums und seines Besitzes, der in wenigen Händen liegt. Die Antwort auf die zweite Frage ist an die erste gebunden und ist der Schwerpunkt dieses Artikels.

Die kürzliche Eile, d.h. innerhalb der letzten 12 Monate, beim Landkauf in Afrika hat ihren Ursprung in einer Anzahl von Faktoren, die sich auf Sorgen im Hinblick auf die globale Ernährungssicherheit beziehen, vor allem der Anstieg der globalen Getreidepreise zwischen 2007 und 2008, der zu Aufständen der Hungrigen in über 20 Ländern in der Welt führte, einschließlich Haiti, Senegal, Jemen, Ägypten und Kamerun.

Zu dieser Situation hat auch die Unberechenbarkeit der Lebensmittelpreise auf dem Weltmarkt und die Spekulation auf zukünftige Lebensmittelpreise beigetragen. Die Nahrungsmittel produzierenden Nationen erhoben Zölle auf Grundnahrungsmittel, um die Mengen, die ihre Länder verließen, zu minimieren. Dies hatte zur Folge, dass sich die Situation noch weiter verschlimmerte. Die Golfstaaten – Saudi-Arabien, Bahrain, Oman, Katar (die 45% der Weltölreserven kontrollieren) – haben gemerkt, dass sie sich nicht mehr auf regionale und globale Märkte verlassen können, um ihre Bevölkerungen zu ernähren. Sie haben sich beeilt, in Afrika Land zu nehmen und sind die Pioniere dieses Agrarkolonialismus zur Sicherung der Lebensmittelversorgung ihrer eigenen Bevölkerungen. Die geopolitische Folge davon ist, dass Nahrung wahrscheinlich zum nächsten begehrten, international handelbaren Gut wird, wie Öl.

Andere Faktoren sind das Versagen, Umweltentwicklungen wie den Klimawandel, der an verschiedenen Orten weltweit bereits zu Wassermangel und Dürre führt, zu bekämpfen. Die Folgen der Dürre an Orten wie dem Rift Valley und dem Pandschab sind für die kenianischen Massai und pakistanischen Bauern katastrophal. Kurz gesagt: diese weltweiten Entwicklungen haben dazu geführt, dass Länder wie China, Südkorea, Saudi-Arabien und Kuwait, die nicht genügend urbares Land haben, in die afrikanische Landwirtschaft investieren wollen. Dazu kommen außerdem Malaysia, Katar, Bahrain, Indien, Schweden, Libyen, Brasilien, Russland und die Ukraine. Mit einem prognostizierten Weltbevölkerungswachstum von 6 Milliarden auf 9 Milliarden bis 2050 wird die Fähigkeit der Welt, eine Lebensmittelfülle wie bisher zu produzieren, langsam eingeschränkt. Die Welt muß die Art und Weise, auf die Nahrungsmittel produziert werden und wieviel davon in den reicheren Teilen der Erde verzehrt wird verändern und die negativen Auswirkungen auf die Umwelt verringern. Ansonsten wird die Krise in der Ernährungssicherheit aufgrund von steigender Nachfrage in den kommenden Jahren, bei dem gleichzeitigen Versagen der Nahrungsmittelproduktion mit der steigenden Nachfrage Schritt zu halten, katastrophal sein. Es scheint, dass Länder wie Saudi-Arabien, die ihre eigenen Bevölkerungen nicht länger ernähren können, dieses Ziel auf aggressive Weise verfolgen, indem sie Land in anderen Ländern kaufen.

IST LANDRAUB NUR ANGSTMACHEREI?

Durch eine Flut von Artikeln in den westlichen Medien während der letzten 4 Monate mit Schlagzeilen wie „Rising Demand in China and West Sparks African Land Grab”, „The World Wide Land Grab“, und „Africa Investment Sparks Land Grab Fear“ hat dieser neue Trend öffentliche Aufmerksamkeit bekommen. Wenn man die sensationsheischenden Schlagzeilen einmal ausklammert, dann ist dieser Trend aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Folgen, auf die er hindeutet, äußerst besorgniserregend.

Die Ursache für die Aufregung unter Afrikanern ist gerechtfertigt, wenn diese Entwicklung vom Direktor der UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) als „neo-koloniales System“ bezeichnet wird. Der stellvertretende Direktor der FAO David Hallam versichert: „Dies könnte eine Situation sein, bei der beide Seiten gewinnen oder es könnte eine Art Neokolonialismus mit katastrophalen Folgen für einige der involvierten Länder darstellen. Es besteht die Gefahr, dass die Gastländer, insbesondere diejenigen, die von einer heikleren politischen Situation und Ernährungsunsicherheit geprägt sind, die Kontrolle über ihre eigene Nahrungsmittelversorgung gerade dann verlieren werden, wenn sie sie am meisten brauchen.“ Andere haben ihn auch als „den neuen Kolonialismus“ und „Agrar-Kolonialismus“ bezeichnet. Die Realität ist, das im letzten Jahr Millionen Hektar Land von Ländern wie Ghana, Äthiopien, Mali, Tansania, Kenia und Sudan für die Produktion von Biokraftstoffen und Agrarerzeugnissen verpachtet worden sind. Saudi-Arabien, zum Beispiel, hat im April 2008 die tansanische Regierung angesprochen, da es 500.000 Hektar Ackerland für die Produktion von Reis und Weizen pachten möchte.

Die Vor- und Nachteile dieser neuen Landkäufe in großem Umfang wurden kürzlich in einem von der FAO, dem Institute for Environment and Development (IIED) und dem International Fund for Agricultural Development (IFAD) im Juni [2009] veröffentlichten Dokument vorgestellt: „Land Grab or Development Opportunity? Agricultural Investment and International Land Deals in Africa [Landnahme oder Entwicklungschance? Agrarinvestitionen und Internationale Landgeschäfte in Afrika].“ Die Autoren vertreten die liberale Position, dass es „nicht ihr Ziel ist, endgültige Antworten anzubieten, sondern eine mutige Debatte zwischen Interessengruppen aus Regierungen, dem privaten Sektor und der Zivilgesellschaft zu fördern.“ Sie weisen darauf hin, dass „zwischen der Ankündigung von Plänen [Land zu verkaufen oder zu verpachten] und dem eigentlichen Landkauf – geschweige denn der Bestellung des Landes – ein großer Unterschied besteht.“ Sie versichern, dass einige der Landkäufe beispiellos und bedeutsam sind. Sie pflichten dem britischen Economist bei, dass „das Investieren in ausländische Farmen nichts Neues ist.“ Doch ein noch nie da gewesenes Charakteristikum ist erstens das enorme Ausmaß der Landgeschäfte, die getätigt worden sind. Die in Washington, D.C beheimatete Denfabrik International Food Policy Research Institute (IFPRI) schätzt, dass die Geschäfte etwa 20 – 30 Milliarden US-Dollar wert sind und dass daran etwa 15 – 20 Millionen Hektar Ackerland in armen Ländern in Afrika, Kambodscha, Pakistan und den Philippinen beteiligt sind. Dem Bericht der FAO zufolge könnten solche Megageschäfte nur die „Spitze des Eisberges sein“. In den letzten fünf Jahren sind bereits 2,5 Millionen Hektar Ackerland in fünf afrikanischen Ländern südlich der Sahelzone gekauft oder gepachtet worden, zu einem Gesamtpreis von 920 Millionen US-Dollar.

Das zweite wichtige Charakteristikum dieser neuen Landkäufe ist, dass sie sich auf Grundnahrungsmittel (z.B. Weizen, Mais, Reis, Purgiernuss (Jatropha)) oder Biokraftstoffe konzentrieren. Im Jahr 2002, zum Beispiel, unterzeichnete der Sudan das Sonderabkommen über landwirtschaftliche Investitionen mit Syrien. Dabei geht es um einen 50-jährigen Pachtvertrag, den die sudanesische Regierung mit der syrischen Regierung abgeschlossen hat. Laut dem Bericht der FAO „hat die saudi-arabische Firma Hadco, wie verlautet, 25.000 Hektar Ackerland im Sudan erworben, wobei 60 Prozent der Projektkosten vom staatlichen saudischen industriellen Entwicklungsfonds gedeckt werden.“[8] In Äthiopien hat die Regierung von Meles Zenawi kürzlich einem Landgeschäft im Wert von 100 Millionen US-Dollar zugestimmt, das es Saudi-Arabien gestattet, Gerste und Weizen anzubauen.

Drittens wurden Auslandsinvestitionen in die Landwirtschaft früher von privaten Investoren getätigt. Nun werden mehrere Landgeschäfte zwischen Regierungen ausgehandelt. Manchmal sind die Käufer ausländische Firmen. Die Verkäufer sind Gastregierungen, die Land vergeben, z.B. verpachtete Kambodscha im August 2008 Land an kuwaitische Investoren. Im gleichen Jahr gründeten die sudanesischen und katarischen Regierungen ein Joint Venture im Sudan. Das Land wird gewöhnlich verpachtet oder durch Konzessionen zur Verfügung gestellt, aber manchmal wird es verkauft. Zur Komplexität der Landgeschäfte kommt die vom Bericht der FAO herausgestellte Tatsache hinzu, dass „es kein bestimmtes dominantes Modell für Finanzierung und Eigentümerschaft gibt, sondern vielmehr eine große Vielfalt von standortspezifischen Vereinbarungen zwischen Regierungen und dem privaten Sektor.“

EINE WIN-WIN-SITUATION FÜR ALLE BETEILIGTEN?

Der Bericht der FAO versucht, zwischen einer Lobpreisung der Vorteile der Landgeschäfte und ihrer kritischen Betrachtung zu lavieren. Die Autoren schreiben: „Diese sich rapide entwickelnde Situation schafft Chancen, Herausforderungen und Risiken. Mehr Investitionen können makroökonomische Vorteile (BIP-Wachstum und Staatseinnahmen) bringen und Chancen dafür schaffen, lokale Lebensstandards zu erhöhen. Im Fall von ärmeren Ländern mit relativ reichlich vorhandenem Land können neue Investoren Kapital, Technologie, Know-how und Marktzugang mitbringen und eine wichtige Rolle bei der Beschleunigung der wirtschaftlichen Entwicklung in ländlichen Gebieten spielen. Andererseits können Landkäufe in großem Umfang dazu führen, dass lokale Menschen den Zugang zu den Ressourcen verlieren, von denen sie für ihre Ernährungssicherheit und ihr Überleben abhängen.“

Was bei diesen Geschäften nicht explizit erwähnt wird, sind die hohen Umweltkosten einer hochintensiven Landwirtschaft, das heißt ausgelaugte Böden, trockene Grundwasserleiter und durch chemische Verseuchung zerstörte Ökosysteme. Die Kosten werden dann dem Gastland aufgebürdet – genauso wie bei der Umweltzerstörung, die durch die Ölförderung von Shell im Nigerdelta in Nigeria verursacht wird.

Dr. Vandana Shiva, Direktorin der Research Foundation for Science, Technology and Ecology in Indien, hinterfragt die momentane Begeisterung im Westen für Biokraftstoffe, die nicht nur Millionen Hektar Land erfordern, sondern, wie sie aufzeigt, auch „sehr zentralisiert und industriell sind. Sie waren ein verdeckter Faktor beim Anstieg der globalen Nahrungsmittelpreise 2007 und 2008; Shiva weist jedoch darauf hin, dass die Produktion von Biokraftstoffen als eine Alternative zu fossilen Brennstoffen viele Bauern dazu zwingt, auf Land umzusteigen, welches andernfalls für den Anbau von Nahrungsmitteln verwendet würde.

In der zentralindischen Region Chattisgarh wurden mehrere Felder mit Purgiernuss (Jatropha) von den Dorfbewohnern zerstört (Jatropha bringt Ölsamen hervor, aus denen Biodiesel erzeugt werden kann). Eine Frau, die dafür inhaftiert wurde, sagte unverblümt: „Das Problem, das wir mit Jatropha haben, ist, dass wir die Pflanze nicht essen können. Wir können sie nicht verbrennen; wir können sie für nichts verwenden. Die Armen müssen vom Land ihren Lebensunterhalt bestreiten. Jatropha ist nur für Kraftstoff nützlich. Da wir keine Fahrzeuge besitzen, ist sie für uns wertlos. Ein großes Problem ist außerdem, dass unsere Tiere verenden, wenn sie Jatropha fressen.

Kürzlich ist behauptet worden, dass Land im Norden Ghanas einem norwegischen Biokraftstoffunternehmen angeboten wurde, um eine riesige Jatropha-Plantage anzulegen. Die Leute im Norden Ghanas sollten sich die Erfahrungen der enteigneten Dorfbewohner in Chattisgarh zu Herzen nehmen: diese wünschen, eine selbstversorgende Nahrungsmittelproduktion betreiben zu können, doch ihr Land wurde dem gewinnorientierten Anbau von Jatropha übergeben.

Walden Bello argumentiert zu Recht, dass viele afrikanische Länder zum Zeitpunkt ihrer Unabhängigkeit bei der Nahrungsmittelerzeugung autark waren und Lebensmittel exportiert haben. Diese Situation hat sich dramatisch verändert. Die Maßnahmen der vom IWF und der Weltbank in den 1980er und 1990er Jahren vorgeschriebenen strukturellen Anpassungsprogramme halfen, durch die Auferlegung von Bedingungen als Preis für den Erhalt von IWF- und Weltbankhilfe zur Schuldenbedienung, die afrikanische Landwirtschaft zu zerstören. Afrikanische Regierungen waren dazu verpflichtet, staatliche Kontrollen und Unterstützungsmechanismen zurückzunehmen und darüber hinaus „Preiskontrollen für Dünger aufzuheben und gleichzeitig dazu landwirtschaftliche Kreditsysteme zu beschneiden; dies führte schlicht zu reduziertem Einsatz, geringeren Erträgen und geringeren Investitionen.“

Während der IWF und die Weltbank darauf bestanden, dass ihre Maßnahmen zu mehr ausländischen Direktinvestitionen führen würden “ergaben die Vorhersagen der neoliberalen Doktrin in einem Land nach dem anderen genau das Gegenteil: die Verabschiedung des Staates „verdrängte“ private Investitionen anstatt sie „anzulocken“. Kurz gesagt: „Wie in vielen anderen Regionen bedeutete die strukturelle Anpassung in Afrika nicht einfach nur eine Unterinvestition, sondern eine staatliche Desinvestition.“ Afrikanische Regierungen wie die in Äthiopien und im Sudan benutzen das Argument der Suche nach ausländischen Direktinvestitionen als Begründung dafür, dass sie reiche Länder eingeladen haben, in ihren Ländern Land zu kaufen. Schon vor diesen beispiellosen Landkäufen waren Landwirte in Afrika dazu gezwungen, Feldfrüchte anzubauen, die der Markt verlangte, wenn sie ihren Lebensunterhalt bestreiten wollten. Nur wenige Landwirte haben echte Alternativen. Sie machen oft Schulden, um Maschinen zu kaufen oder zu mieten, nehmen Kredite zum Kauf von Saatgut und Dünger auf oder sie geben die Landwirtschaft ganz auf, um auf der Suche nach alternativen Erwerbsmöglichkeiten in die Städte abzuwandern.

Insgesamt betrachtet sind die politischen und wirtschaftlichen Risiken dieser Landkäufe enorm und wiegen etwaige Vorteile auf. Es gibt viele Gründe dafür. Erstens gefährden die ungleichen Machtverhältnisse in solchen Geschäften die Lebensgrundlagen der Armen. Der springende Punkt ist, dass der ausländische Investor mit dem Geld die Macht besitzt, sich die Gunst von lokalen und Regierungseliten zu erkaufen. Auf diese Weise kann man Kleinbauern in rechtlicher Hinsicht mit Füßen treten, vertreiben, ja sogar von ihrem Land enteignen. Ruth Meinzen-Dick, eine Forscherin beim IFPRI, stellt fest, dass „die Kräfteverhältnisse bei der Verhandlung dieser Vereinbarungen zugunsten der ausländischen Investoren liegen, vor allem dann, wenn ihre Erwartungen vom Gastland oder den lokalen Eliten unterstützt werden.“

Die Kleinbauern haben oftmals nur eine geringe formale Schulbildung und verstehen die vollen Konsequenzen des Kleingedruckten in rechtlichen Dokumenten nicht. Außerdem warnen die UNO und andere Agenturen, dass viele afrikanische Landwirte oftmals keine formalrechtlichen Ansprüche auf das von ihnen bewirtschaftete Land besitzen und deshalb zugunsten des Investors beiseite geschoben werden.

Zweitens sind in vielen afrikanischen Ländern nicht die rechtlichen Instrumente und Prozesse zum Schutz der Rechte solcher Kleinbauern vorhanden. Die Sache wird dadurch verschlimmert, dass es bei solchen Vertragsverhandlungen oftmals an Transparenz und gegenseitiger Kontrolle mangelt. Dies schafft einen fruchtbaren Boden für Korruption, vor allem weil oft eine riesige Kluft besteht zwischen dem, was in den Gesetzbüchern steht und der herrschenden Realität, die von bestimmten Interessen manipuliert werden kann.

Ist es nur ein Fall von größerer Transparenz oder einem verbindlichen Verhaltenskodex? Beim Juli-Gipfel [2009 ]der G8-Staaten der reichen Länder im Nordosten Italiens wurde versprochen, einen Vorschlag für Prinzipien und Best Practices für Landkäufe in Entwicklungsländern auszuarbeiten. Dieser Verhaltenskodex wird vom IFPRI und der African Union (AU) unterstützt.

Die Win-Win-Rhetorik der westlichen Agrarindustrie verhüllt die von Raj Patel aufgezeigte Tatsache, dass „die Selbstmordraten bei Landwirten weltweit in die Höhe gestiegen sind, da ihr Land in den Schoß der Banken gefallen ist, beschlagnahmt und zurückgekauft wurde.“[14] Während Daten über Selbstmorde bei afrikanischen Landwirten nicht bekannt sind, beläuft sich P. Sainath zufolge die offizielle Zahl der indischen Landwirte, die zwischen 1997 und 2007 Selbstmord begangen haben, auf 182.936. Er schreibt: „Diejenigen, die sich das Leben genommen haben, waren tief verschuldet – die Zahl der kleinbäuerlichen Haushalte, die Schulden hatten, verdoppelte sich im ersten Jahrzehnt der neoliberalen “Wirtschaftsreformen“. Die Ironie dabei ist, dass die indische Regierung beabsichtigt, in Äthiopien und im Sudan Land für den Nahrungsmittelanbau zu kaufen, während indische Landwirte Selbstmord begehen.

Das Barometer der sozialen Not spiegelt sich wider in der Zunahme der Selbstmordraten in Ländern wie Sri Lanka, China und Südkorea. Patel weist darauf hin, dass „es sich hier nicht nur um individuelle Tragödien handelt, sondern auch um soziale.“ Sie erzählen die Geschichte der politischen und wirtschaftlichen Machtlosigkeit einer Gemeinschaft. Sie sind ein akutes Symptom der Unfähigkeit einer Gesellschaft, nicht nur die Ernährungssouveränität, sondern auch die wirtschaftliche Sicherheit in die Hand ihres Volkes zu legen. Sie sind auch bezeichnend für die Absurdität der kapitalistischen Freihandelslogik der Welthandelsorganisation (WTO), die diktiert, dass Wettbewerb gut ist und ineffiziente Produzenten aussondern wird. Währenddessen erhalten Landwirte im Westen weiterhin Agrarsubventionen, die ihnen einen Vorsprung im kapitalistischen Spiel verschaffen und mit denen sie die Preise von afrikanischen Landwirten unterbieten können.

WARUM LANDRAUB FÜR AFRIKANER EIN KRITISCHES THEMA IST

Für die Mehrheit der Afrikaner bleibt Land sowohl ein emotionsgeladenes als auch politisches Thema. Man muß nur einen Blick in die Geschichte des Siedlerkolonialismus in Afrika in Ländern wie Simbabwe, Kenia und Südafrika werfen, um zu verstehen, dass Land nicht nur eine Frage von wirtschaftlichen Ressourcen, und daher eine Lebensgrundlage ist, sondern auch mit Identität verbunden ist. Der fortgesetzte Kauf von afrikanischem Land ist ein kritisches Thema für Afrika, weil er eine wesentliche Dimension der neokolonialen Partnerschaft ist, die zwischen der Elite in afrikanischen Ländern und westlichen Regierungen und transnationalen Unternehmen besteht.

Diese Klasse übt weiterhin ihre Rolle als Türhüter des Rentenstaates aus, das heißt, die Vermietung der staatlichen Ressourcen, ob Öl, Diamanten, Coltan oder Land – die zum Nutzen der afrikanischen Mehrheit eingesetzt werden sollten – zur Konsolidierung ihrer eigenen politischen und wirtschaftlichen Basis und zur Abstützung ihrer illegitimen Regime im Hinblick auf Verteidigung und Sicherheit. Frantz Fanon beschrieb eine solche Elite treffend als nach eigener Auffassung als „nichts mit der Transformation der Nation zu tun [haben] wollend; sie stellt, prosaisch gesehen, die Übertragungslinie zwischen der Nation und einem ungezügelten, doch getarnten Kapitalismus dar, der heutzutage die Maske des Neokolonialismus trägt.“

Im Bewusstsein dieser Maske sollten wir uns fragen: Inwieweit unterscheiden sich die Führer des Sudan und Äthiopiens von den afrikanischen Häuptlingen und Königen, die während der Kolonialzeit ihr Land abtraten und dabei nicht genau wussten, was sie genau unterschrieben? Im Gegensatz zu den afrikanischen Häuptlingen der Kolonialzeit unterzeichnen heute afrikanische Führer wie Meles Zenawi und Omar Baschir solche Verträge mit genau abgewägter Berechnung. Inwieweit hätten Europa, Großbritannien oder die USA außerdem ihren derzeitigen Entwicklungsstand erreicht, wenn sie große Flächen ihres Landes an andere Länder verkauft oder verpachtet hätten? Diese Auslagerung von afrikanischem Land ist ein äußerst negatives Merkmal der Gobalisierung und es ist notwendig, dass wir unsere Herrscher dabei stoppen, uns freiwillig wieder zu einer Kolonie zu machen. Solche neokolonialen Partnerschaften sind eine indirekte Rekolonisierung der afrikanischen Ressourcen – es ist unwahrscheinlich, dass alle Parteien davon gleichmäßig profitieren werden.

Die Europäische Union (EU) beispielsweise zahlte 2008 140 Millionen Euro an Entwicklungsländer, damit moderne europäische Flotten vor den Küsten von Entwicklungsländern fischen konnten. Diese Deals erwiesen sich als umstritten und sind es immer noch. Jahrelang habe europäische Trawler aus der ganzen Welt und vor allem aus Europa vor der Küste Senegals gefischt, einige legal und andere illegal. Jedes Jahr werden 25.000 Tonnen Fisch in die EU exportiert. Viele große Trawler fahren unter senegalesischer Flagge und sind angeblich senegalesische Schiffe. Moussa Faye von Actionaid, der gegen die Überfischung ankämpft, sagt offen: „Sie betrügen die senegalesische Regierung und das senegalesische Volk, denn tatsächlich sind es europäische Unternehmen, die hinter unseren Ressourcen her sind und die Fische und den davon erzielten Gewinn exportieren. Ich meine, dass dieses Thema dem senegalesischen Volk dienen und für die Leute hier eine Quelle des Lebensunterhalts sein sollte. Es gibt auch ernsthafte Einschränkungen im Hinblick auf die Trawlers, die fischen dürfen. Für uns in Senegal ist Fisch die Hauptquelle für tierisches Eiweiß, das heißt, dass Leuten, die sich Fleisch nicht leisten können, weniger tierisches Eiweiß zur Verfügung steht. Das Ergebnis davon ist Unterernährung.“

Es gibt keinen Zweifel daran, dass die in afrikanische Landkäufe involvierten Länder – die Golfstaaten, Indien, Südkorea und China – wie die europäischen Trawler, die in afrikanischen Gewässern für die eigene Bevölkerung Fisch fangen, billige Nahrungsmittelquellen für ihre eigenen Bürger sichern wollen. Während des Sklavenhandels und der Kolonialzeit in Afrika gelang es den europäischen Nationen auf ähnliche Weise, mit ihren Arbeiterklassen einen stillschweigenden sozialen Vertrag aufrechtzuerhalten: die herrschende Klasse hielt Hunger und Entbehrung, soweit möglich, auf einem niedrigen Stand, indem sie sicherstellte, dass genügend Lebensmittel zur Verfügung standen. Dieser Vertrag wurde auf dem Rücken von Millionen afrikanischer Sklaven in der neuen Welt und kolonialer Untertanen in den afrikanischen Kolonien aufrechterhalten, diese produzierten billigen Zucker, Tee und Kautschuk, billiges Blech und Palmöl – zur Verschiffung in die koloniale Metropole. Damals – wie heute – waren der billige Zucker und die anderen Agrarprodukte dazu bestimmt, die Scharen der europäischen Arbeiter ruhig zu stellen. Im Licht der Aufstände, die sich 2007 und 2008 in über 20 Ländern ereigneten, erfüllt die Flut der Landgeschäfte eine ähnliche Aufgabe: die Beschwichtigung dieser Bürger auf Kosten der Armen und insbesondere der bäuerlichen Gemeinschaften in Afrika. Wer wird in einer solchen Situation die Hungrigen Afrikas ernähren?

WAS TUN?

Madagassische Bauern haben Bauern auf der ganzen Welt kürzlich ein Beispiel gegeben, was zu tun ist. Vielmehr erfordert ihr Beispiel eine breitere Medienberichterstattung über die Verbreitung des Widerstands und der Siege gegen solche Landgeschäfte. Die Bauern in Madagaskar wehrten sich kürzlich gegen das neokoloniale Geschäft zwischen der südkoreanischen Firma Daewoo Logistics und der Regierung von Marc Ravalomanana. Die Ankündigung des Geschäfts führte zum Sturz von Ravalomananas Regierung, als das madagassische Volk darüber informiert wurde, dass die Ravalomanana-Regierung ein Landgeschäft mit einer 99-jährigen Laufzeit über die Verpachtung von 1,3 Millionen Hektar im Osten und Westen Madagaskars mit der südkoreanischen Firma Daewoo Logistics abgeschlossen hatte. Der Vertrag gab Daewoo Logistics das Recht, Mais und Ölpalmen anzubauen und nach Südkorea zu exportieren, zu einem Wert von 6 Milliarden US-Dollar.

Der neue 34 Jahre alte Präsident von Madagaskar sagte, in seinem Land sei Land nicht käuflich. Der Verband Madagassischer Bauern (Fekritana) mobilisierte ihre Arbeiter, sich gegen den Vertrag zu wehren. Ihr Programmdirektor Rihatiana Rasonarivo sagte, es sei nicht im Interesse Madagaskars, Land für den Anbau von Nahrungsmitteln zu verpachten. Er sagte: „Wir stimmen dem Konzept von Ausländern, die nach Madagaskar kommen, um Land zu kaufen, nicht zu. Unser Anliegen ist, dass die Regierung zunächst einmal lokalen Bauern den Zugang zu Land erleichtern sollte, bevor sie sich um Ausländer kümmert. Eines der größten Probleme für Bauern in Madagaskar ist Landbesitz, daher halten wir es für unfair, wenn die Regierung Land an Ausländer verkauft oder verpachtet, wenn lokale Bauern nicht genügend Land haben.“

In einer ähnlichen Situation in den Philippinen, einem armen südostasiatischen Land mit einer Bevölkerung von 90 Millionen Menschen, brachte der Politiker Rafael Mariano, der philippinische Bauern vertritt, eine Resolution ein, die eine sofortige Untersuchung des von ihm so charakterisierten „großen ausländischen Landraubs“ fordert. Er sagte: „Es ist die Höhe der Dummheit, wenn sich unser Staat um der Ernährungssicherheit anderer Nationen willen Land abnötigen lässt, während wir für unsere eigenen Bedürfnisse im Hinblick auf Ernährungssicherheit von Importen abhängen.“ Es ist daher notwendig, zu hinterfragen, wie es möglich ist, dass Äthiopien – ein Land, das weitgehend mit Hungersnöten und Live Aid assoziiert wird – Landgeschäfte mit Saudi-Arabien unterzeichnet hat, wenn es seine eigene Bevölkerung nicht ernähren kann, doch gleichzeitig verspricht, das saudi-arabische Volk zu ernähren? Warum zieht es desgleichen die kenianische Regierung in Betracht, Parzellen des fruchtbaren küstennahen Landes im kenianischen Tana-Flussdelta, das Heimat von Bauern- und Hirtengemeinschaften ist, wenn Kenia derzeit nicht nur vor einer riesigen Lebensmittelknappheit und hohen Preisen, sondern auch vor dem dritten aufeinanderfolgenden Dürrejahr steht?

Zu anderen Protesten, über die in den westlichen und afrikanischen Medien kaum berichtet worden ist, zählen die Kampagne, die von der militanten Asian Peasant Coalition (APC) und der International League of Asia Wide Peasants Caravan for Land and Livelihood von Juli bis November 2009 durch zehn asiatische Länder geführt wird. Das Motto der Bauernkarawane ist „Stoppt die globalen Landnahmen! Kämpft für eine echte Agrarreform und Ernährungssouveränität des Volkes.“ Die Graswurzelbewegung versucht, die Notlage von armen Bauern, deren Lebensgrundlagen von den neoliberalen Maßnahmen von transnationalen Unternehmen, der WTO und der großangelegten Übernahme der Landwirtschaft durch Konzerne verschlechtert worden ist, an die Öffentlichkeit zu bringen. Ihre Ziele sind es, die „Siege und Erfolgsgeschichten der Bauernbewegungen im Kampf für echte Bodenreform bekannt zu machen, was andere inspirieren wird“ und zu Veränderungen in der Landwirtschaft führen wird, die im Interesse von asiatischen Bauern liegen.

In der Auseinandersetzung mit dem, was zu tun ist, gibt es etliche Aktionen und Kampfschauplätze, mit denen man beginnen sollte. Zunächst müssen afrikanische Regierungen die Ernährungssicherheit und Selbstversorgung ihres eigenen Volkes vorrangig machen. Investitionen in die Landwirtschaft sind eine Notwendigkeit und oberste Priorität wie auch die Erfordernis, Kleinbauern dabei zu helfen, höhere Erträge zu erzeugen um gegen den Hunger in ländlichen und städtischen Gebieten anzukämpfen. Afrikanische Bauern müssen einen vernünftigen Lohn erhalten, um für die Nation zu produzieren und nicht für ausländische Investoren. Zweitens müssen afrikanische Bauerngewerkschaften und -kooperativen die lokale Bevölkerung und Kleinbauern darüber aufklären, dass solche Landgeschäfte nicht in ihrem Interesse sind, egal wie wohlmeinend oder wie sehr sie mit „Win-Win“-Terminologie ausgestattet sie zu sein scheinen. Drittens muß Widerstand analog zur madagassischen Bauerngewerkschaft und zur asiatischen Bauernkoalition von Bauerngewerkschaften im Globalen Süden gemeinsam organisiert werden, nicht nur in einem Geist von Solidarität, sondern auch als konkreter Beweis der gleichzeitigen Möglichkeit und Realität der kollektiven Veränderung gegen solche Landgeschäfte. Letztendlich müssen wir für das Recht der afrikanischen Völker auf die Kontrolle von Land und anderen wichtigen Ressourcen kämpfen und ihre Nutzung muß im Interesse der afrikanischen Bevölkerung liegen.

Originalartikel veröffentlicht am 17.9.2009

Über die Autorin

Susanne Schuster ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl die Autorin, die Übersetzerin, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=9293&lg=de

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